Samstag, 1. August 2015

Der Tag, an dem ich fast in einer Schweißpfütze ersoff

Wer mir auf Instagram oder Facebook folgt, hat es am vergangenen Wochenende vielleicht mitbekommen: Ich war mit einem Filmteam in Málaga unterwegs, um ein hübsches, kleines Destinationsvideo für den Dortmunder Flughafen zu drehen. Und weil "Stadt" zwar schön ist und spannend und vielfältig, aber eben nicht alles, haben wir uns den Montag reserviert, einen Mietwagen gebucht und sind raus in die Berge gefahren. Genauer in das Naturschutzgebiet El Torcal.

Der Tag, an dem ich fast in einer Schweißpfütze ersoff - Ein Ausflug von Málaga ins Karstgebirge "El Torcal" - © Fee ist mein Name
Der Tag, an dem ich fast in einer Schweißpfütze ersoff - Ein Ausflug von Málaga ins Karstgebirge "El Torcal" - © Fee ist mein Name
Der Tag, an dem ich fast in einer Schweißpfütze ersoff - Ein Ausflug von Málaga ins Karstgebirge "El Torcal" - © Fee ist mein Name

Und den Mietwagen braucht man auch, denn El Torcal liegt 45 km von Málaga und damit circa eine Fahrtstunde auf lustigen spanischen Serpentinenstrecken entfernt. Ich verrate hier sicher kein Geheimnis, wenn ich sage "Investiert lieber die fünf Euro mehr und nehmt das Exemplar mit Klimaanlage, selbst wenn es dann nur ein schäbiger alter Skoda Fabia mit klemmender Gangschaltung und stinkender Kupplung ist". Aber zur Sicherheit erwähne ich es trotzdem noch mal.

Die spanischen Serpentinenstrecken erwähne ich auch mit Absicht, denn wenn Ihr einen ähnlich sensiblen Magen habt wie ich, könnte die Kombination aus extrem kurviger und steiler Strecke (zumindest gegen Ende) und ruckartigem Schalten und plötzlichem Gas geben eventuell dazu führen, dass Ihr bei Ankunft am Besucherzentrum ziemlich grün im Gesicht seid. Ich für meinen Teil war froh, dass ich mich in Anwesenheit dreier (zu diesem Zeitpunkt schon nicht mehr ganz so fremder, aber doch) fremder Männer nicht in hohem Bogen übergeben habe. Aber ich war nah dran. Ich war aber auch diejenige, die früher auf Familienausflügen in die Eifel regelmäßig über der Leitplanke hing. Sofern ich es bis dorthin geschafft habe. Aber das ist eine andere Geschichte.

Der Tag, an dem ich fast in einer Schweißpfütze ersoff - Ein Ausflug von Málaga ins Karstgebirge "El Torcal" - © Fee ist mein Name
Der Tag, an dem ich fast in einer Schweißpfütze ersoff - Ein Ausflug von Málaga ins Karstgebirge "El Torcal" - © Fee ist mein Name
Der Tag, an dem ich fast in einer Schweißpfütze ersoff - Ein Ausflug von Málaga ins Karstgebirge "El Torcal" - © Fee ist mein Name

Fakt ist aber: Der Ausflug ist die Qual in Wellen auflodernder Übelkeit auf jeden Fall wert. Das Karstgebirge mit seinen völlig irren Steinformationen, die sich über die Jahrmillionen durch Anhebung, Faltung, Dehnung, Eindringen von Wasser und schließlich Verwitterung durch Kohlensäure gebildet haben, war definitiv mein Highlight der gesamten Reise. Als ich während meiner Recherchen für den Trip Bilder des Gebiets entdeckt habe, war mir sofort klar: Da muss ich hin. Etwas das aussieht, als hätte der Felsenbeißer Pjörnrachzarck aus der "Unendlichen Geschichte" dort mit seinem kleinen Sohn Bauklötze gespielt? Kann es noch perfekter werden?

Vom Besucherzentrum aus hat man die Qual der Wahl zwischen zwei Wanderstrecken: Die einfachere grüne Strecke mit circa 1,5km für die man nach offiziellen Angaben 45 Minuten braucht und die ungefähr doppelt so lange gelbe Strecke, die aber auch mit mehr Höhenmetern daherkommt und zwei Stunden in Anspruch nehmen soll. Auf der gelben Strecke sieht man naturgemäß mehr und hat auch auf der anderen Seite des Massivs noch mal die Möglichkeit für eine schöne Aussicht, aber auch die grüne Strecke ist sehr lohnenswert. Angesichts der Außentemperatur von bescheidenen 36°C und der Tatsache, dass wir das Lebendgewicht einer Kuh in Film- und Foto-Equipment mit uns herumschleppen, entscheiden wir uns spontan für die kürzere Strecke.

Der Tag, an dem ich fast in einer Schweißpfütze ersoff - Ein Ausflug von Málaga ins Karstgebirge "El Torcal" - © Fee ist mein Name
Der Tag, an dem ich fast in einer Schweißpfütze ersoff - Ein Ausflug von Málaga ins Karstgebirge "El Torcal" - © Fee ist mein Name
Der Tag, an dem ich fast in einer Schweißpfütze ersoff - Ein Ausflug von Málaga ins Karstgebirge "El Torcal" - © Fee ist mein Name

"Haben Sie auch genug Wasser dabei?", fragt uns die nette Dame am Informationstresen mit beunruhigtem Blick auf unser Gepäck. Haben wir. Und wenn nicht hätten wir hier noch mal die Möglichkeit, Flaschen für die Wanderung zu kaufen. Und glaubt mir, das ist kein Verkaufsgespräch. Das ist ernste Sorge. Auch wenn ich kein großer Trinker bin: Hier unter der knallenden Sonne Südspaniens mit so gut wie keiner Möglichkeit auf Schatten kippe ich die Flüssigkeit literweise oben rein und habe das Gefühl, dass sie auf dem Weg bis in den Magen schon wieder verdampft ist.

Und los gehts. Hatte ich mir beim Blick auf den Streckenplan noch kurzfristig eingebildet, es könne sich eventuell um sowas wie "richtige Wege" handeln, wird mir bereits nach fünf Metern klar: Nein! Nach zehn Metern denke ich "Wäre schon klug gewesen, du hättest deine neuen babyblauen Wanderschuhe mitgenommen, du Vollhorst!" Habe ich aber nicht. Gut, wenigstens habe ich die Ballerinas gegen Chucks getauscht und auch meine Begleiter tragen etwas, dass sich im weitesten Sinne unter "festes Schuhwerk" subsummieren lässt. Sandalen und verwandte Formen der Fußbekleidung lässt man hier besser zuhause. Je stabiler der Schuh und je besser das Profil, desto geeigneter. Wer Wanderschuhe hat, nimmt Wanderschuhe. Mein Rock ist dagegen kein Problem, wie mir gewisse Unkenrufe auf Instagram zu suggerieren versuchten. Sieht zwar scheiße aus zu den Chucks und meinen sexy weißen Sportsöckchen, ist aber schön luftig. Einzig, dass ich alle paar Meter damit in einer Distel hängenbleibe, ist vielleicht unter "semioptimal" zu verbuchen.

Der Tag, an dem ich fast in einer Schweißpfütze ersoff - Ein Ausflug von Málaga ins Karstgebirge "El Torcal" - © Fee ist mein Name
Der Tag, an dem ich fast in einer Schweißpfütze ersoff - Ein Ausflug von Málaga ins Karstgebirge "El Torcal" - © Fee ist mein Name
Der Tag, an dem ich fast in einer Schweißpfütze ersoff - Ein Ausflug von Málaga ins Karstgebirge "El Torcal" - © Fee ist mein Name

Es geht über Stock und Stein. Naja, eher über Stein und Stein. Und über noch mehr Steine. Rauf und runter, rauf und runter. Und immer schön vorsichtig, wo man hintritt. Das ist nichts für Leute, die nicht gut zu Fuß sind, an Kniebeschwerden leiden oder größere Probleme mit der Koordination haben für alle anderen ist es aber gut machbar, auch mit Kindern. Zumindest wenn man schaut, wo man hinläuft und nicht auf die Kamera starrt. Nicht, dass ich da Erfahrungen mit gemacht hätte. Wir laufen vorbei an Felsformationen, die lustige Namen tragen wie el Tornillo (die Schraube), el Cáliz (der Blütenkelch), el Sombrerillo (das Hütchen) oder el Cofre (die Truhe). Na gut, ob wir daran vorbeigelaufen sind, kann ich eigentlich gar nicht genau sagen. Ich weiß nur, dass es sie gibt. Fotogen sind sie aber alle. Und wir haben ihnen einfach eigene Namen gegeben. Zum Beispiel "Der Phallus". Wer das dazu passende Foto in diesem Post findet, bekommt ein Fleißsternchen.

Dass das Gebiet seit 1989 ein Naturschutzgebiet ist, liegt übrigens daran, dass es hier nicht nur schicke Steine zu bewundern gibt, sondern auch eine vielfältige Flora und Fauna, die regelmäßig Botaniker und Zoologen zum "El Torcal" lockt. Die 30 Arten wilder Orchideensorten, die hier wachsen sollen, sehen wir zwar nicht (oder wir erkennen sie nicht als solche), aber die verschiedenen Disteln sind auch sehr schick. Und das meine ich völlig unironisch. Wahrscheinlich waren wir für eine Blütenpracht einfach schon viel zu spät dran im Jahr. Auch die vielfältige Tierwelt bleibt uns bis auf zwei Gämsen verborgen, aber ich kann es gut verstehen, dass die Dachse und Uhus, die Steinböcke und Wiesel, die Geier und die Bergziegen bei dem Wetter eher irgendwo im Schatten chillen. Würde ich an ihrer Stelle genauso machen. Obwohl ich schon gerne mal "Hallo" gesagt hätte.

Der Tag, an dem ich fast in einer Schweißpfütze ersoff - Ein Ausflug von Málaga ins Karstgebirge "El Torcal" - © Fee ist mein Name
Der Tag, an dem ich fast in einer Schweißpfütze ersoff - Ein Ausflug von Málaga ins Karstgebirge "El Torcal" - © Fee ist mein Name
Der Tag, an dem ich fast in einer Schweißpfütze ersoff - Ein Ausflug von Málaga ins Karstgebirge "El Torcal" - © Fee ist mein Name

Zum Abschluss unserer kleinen Tour, die am Talkessel "Torca de La Maceta" kehrt macht und den ich dafür nutze, einmal in meinen Leben aus vollster Kehle ein "Echo" gegen den Berg zu schleudern, schauen wir noch von der Aussichtsplattform beim Besucherzentrum auf das am Fuß von "El Torcal" gelegene Dorf "Villanueva de la Concepción", bevor wir in den Plastikstühlen des Imbiss-Restaurants versacken und augenblicklich in Schweiß ausbrechen. Solange man herumläuft, geht sowas ja meist, aber wehe, man hört dann auf. Ich bin eigentlich gar nicht so der Typ für exzessives Schwitzen, aber kaum habe ich mich niedergelassen, beginnt der Schweiß in Sturzbächen zu laufen. Innerhalb von Sekunden sehe ich aus wie geduscht. Mithilfe der kratzigen Papierservietten aus dem Old-School-Spender und meinem neu erworbenen Fächer versuche ich mich halbwegs wieder herzustellen, bevor es zurück ins nun kuschelig warme brütend heiße Auto und damit auf den Rückweg geht.

Der führt logischerweise wieder auf Serpentinenstraßen herunter, erscheint mir aber diesmal weniger schlimm. Vielleicht auch, weil ich mich dieses Mal mehr auf meine Umwelt konzentriere. Vorbei an wunderschönen Olivenbaumhainen, Andalusiern, die in gestreiften T-Shirts und mit Strohhüten auf ihren Pferden am Straßenrand entlangtraben und großen Schafsherden, die hier die Hänge der Bergketten abgrasen. Und im Zweifel auch einfach mal die Straße überqueren. Was dazu führt, dass wir mit quietschenden Reifen mitten auf der Straße stehenbleiben. Und zwar nicht, um die Schafe nicht zu überfahren, die könnte man im Zweifel einfach von der Straße hupen. Nein, sondern weil "WIR HABEN NOCH GAR KEINE TIERE IM VIDEO!" Und weil Tiere im Video nicht reichen, sondern Tiere auch zwingend aufs Foto gebannt werden wollen, finde ich mich kurze Zeit später liegend auf der Bergstraße wieder. Von wegen "bessere Perspektive" und so. Während sich hinter uns die Autos hupend zu stauen beginnen. Aber: Man muss halt Prioritäten setzen.

Der Tag, an dem ich fast in einer Schweißpfütze ersoff - Ein Ausflug von Málaga ins Karstgebirge "El Torcal" - © Fee ist mein Name
Der Tag, an dem ich fast in einer Schweißpfütze ersoff - Ein Ausflug von Málaga ins Karstgebirge "El Torcal" - © Fee ist mein Name
Der Tag, an dem ich fast in einer Schweißpfütze ersoff - Ein Ausflug von Málaga ins Karstgebirge "El Torcal" - © Fee ist mein Name

Tenor der Ansprache: Wenn Ihr mal in Andalusien unterwegs seid und noch besser in der Region Málaga, dann plant unbedingt einen Ausflug zum "El Torcal" ein. Es lohnt sich. Kotzreiz und Schwimmübungen in der Schweißpfütze hin oder her. Grüßt den Phallus und die Schafe von mir. Und wenn Ihr die gelbe Route lauft, dann macht Fotos für mich, damit ich weiß, was ich verpasst habe. Vielleicht komme ich aber einfach auch noch mal wieder. Schuhe habe ich ja jetzt ;)!
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Für diesen Beitrag habe ich kein Honorar erhalten, lediglich für den Videodreh vor Ort und das anschließende Posten des fertigen Films. Der kommt dann irgendwann demnächst...

Mittwoch, 29. Juli 2015

+/- 17kg – Die Geschichte meiner Essstörung (schon kurzgefasst und trotzdem sehr, sehr lang)

Dieser Post ist als Fortsetzung meines Aufrufs zur Blogparade "Mein Körper und ich" zu verstehen, die ich vor knapp vier Wochen mit meinem "Von Dellen, Beulen und Flecken und wie ich damit diesen Sommer und in Zukunft umzugehen gedenke"-Beitrag gestartet habe. Es kamen so viele tolle und sehr persönliche Geschichten zusammen, dass ich mich entschlossen habe, auch noch mal etwas dazu zu schreiben. Zu einem Thema, zu dem ich mich so noch nie öffentlich geäußert habe: Ich war essgestört. Und zwar viele Jahre lang. Schon seit sicherlich zwei Jahren trage ich nun den Gedanken mit mir herum, mal etwas dazu hier auf dem Blog zu schreiben. Aber im Gegensatz zu meinem Post über die MS-Erkrankung fiel mir dieser Beitrag viel schwerer. Für die MS kann ich ja nichts, aber für eine Essstörung? Für viele ist so eine psychische Erkrankung ja immer noch mit Makel behaftet, so als hätte man eine Wahl, ob man sie haben möchte oder nicht. Und die Betroffenen gelten oft leichthin als verrückt oder irre, werden von oben herab angeschaut, manchmal auch belächelt und oft genug werden sie vorschnell be- und verurteilt. Aber das sollte doch eigentlich gerade ein Grund sein, sich dazu zu bekennen. Denn: Jeden kann es treffen und es totzuschweigen hilft niemanden. Ich dachte auch lange: Magersüchtig? Wie dumm kann man nur sein? Tja, und dann passierte das Leben...

+/- 17kg – Die Geschichte meiner Essstörung (schon kurzgefasst und trotzdem sehr, sehr lang) - © Fee ist mein Name
Mit 14 oder 15 Jahren, einem Alter, in dem Teenager heute aussehen wie mit Mitte 20, rannte ich in karierten Sackhosen und mit Saugglocke durch die Gegend und fand das ziemlich gut. Tja.

Ich war ein stinknormaler Teenager. Okay, ich war kleiner als andere, aber so vom Körperbau her: Durchschnittlichster Durchschnitt. Irgendwann mit 14 oder so hatte ich meine endgültige Größe von 1,50m erreicht und pendelte gewichtsmäßig immer um die 45-50kg. Ich war schon immer ein bisschen irre, posierte mit einer Sanitär-Saugglocke, einer Ureinwohner-Kopfbedeckung irgendwo in den USA, einer fremden Katze auf einer Toilette auf Malta oder etwas später auch mit einem Fake-Gorilla in Ägypten. Mein Modegeschmack war äußerst fragwürdig, aber es waren eben die 90er. Bis circa 1995 spielten übergroße, karierte Baggy-Pants und T-Shirts in (mindestens) XXL eine tragende Rolle in meinem Leben. Danach wurde es etwas körperbetonter, aber anziehen würde ich heute auch nichts mehr davon. Schwamm drüber, würde das Gummibärchen bei Ally McBeal dazu sagen. Selbst als ich anfing die Pille zu nehmen, nahm ich nur unwesentlich zu. Ich fand mich nie besonders dünn, aber auch nie besonders dick und Diäten mit dem Ziel abzunehmen spielten in meinem Leben keine Rolle. Ganz im Gegenteil, ich war sogar ein heimlicher Esser.

Mit sieben Jahren wurde bei mir eine angeborene Fettstoffwechselstörung diagnostiziert, was damals in den 80ern zu einer rigorosen Beschränkung meines Speiseplans führte. Von einem auf den anderen Tag wurden Fett und Zucker komplett aus meinem Leben gestrichen. Es gab keine Süßigkeiten mehr, keinen Kuchen, kein Eis, keine Pommes, keine Pizza, kein Nichts. Alles, was Kinder vermeintlich gerne essen, war für mich tabu. Wir ernährten uns fortan als Familie so gesund, wie man sich nur gesund ernähren kann. Das Reformhaus wurde unser Supermarkt und ich auf Kindergeburtstagen der Sonderling, der eine Extrawurst brauchte. Eine ganz ohne Fett, versteht sich. Und an der Torte bitte nur schnuppern. Verständlicherweise fand ich das ziemlich scheiße. Als Kind hatte ich keinerlei Verständnis dafür, dass das alles nur zu meinem Besten war. Ich fühlte mich verarscht. Und begann heimlich zu essen. Ich kaufte mir von meinem Taschengeld gemischte Tüten am Kiosk oder Pommes am Imbiss und schlang alles auf dem Heimweg von der Schule runter. Danach gab es zusätzlich noch das Mittagessen zuhause, ist ja klar. Sobald wir in der Oberstufe während der Pausen das Schulgelände verlassen durften, enterte ich regelmäßig den "Penny" nebenan und ernährte mich von Familienpackungen "Kinder Pingui" oder "Manner-Waffeln". Und schaffte es, das alles meine gesamte Schulzeit lang vor meinen Eltern geheimzuhalten, die das alles nur so streng durchzogen, weil sie sich große Sorgen um meine Gesundheit machten. Was ich absolut nicht zu schätzen wusste. Nein, ich war furchtbar genervt. Und aß und aß und aß. Dass ich während dieser Zeit nicht aufging wie ein Hefekloß, ist im Nachhinein nur als großes Wunder zu betrachten.

+/- 17kg – Die Geschichte meiner Essstörung (schon kurzgefasst und trotzdem sehr, sehr lang) - © Fee ist mein Name
Mit 16 trug ich hässliche Strickpullis und Federhüte auf dem Kopf. Mit 17 war das Outfit erträglicher, dafür machte ich Fotos auf dem Klo. Obwohl, das macht man ja heute auch wieder... ;)!

Als sich meine Schulzeit im Jahr 2000 ihrem Ende entgegenneigte, begann meine Beziehung mit dem Freund. Und damit eine Phase, in der Nahrungsaufnahme zu so etwas wie einer Hochleistunssportart für uns wurde. Fast jeden Abend schaufelte sich jeder von uns eine große Pizza mit extra Käse plus Salat hinter die Kiemen. Schön abwechselnd mit einem großen Menu von McDonalds, damit es auch nicht langweilig wird. Kochen war ein Fremdwort. Und trotz offensichtlich damals noch auf Hochtouren arbeitendem Stoffwechsel bei einer sportlichen Betätigung von "Null" hatten wir beide nach einem Jahr ein paar Extra-Kilos auf den Hüften. Und mit denen flogen wir Mitte September, eine Woche nach dem Anschlag aufs World Trade Center, nach Ägypten, was "recht praktisch" war, weil wir das Rote Meer quasi für uns alleine hatten. Es war eine schöne Zeit, wir lagen am Pool, schwammen im Meer, schnorchelten mit den Fischen und posierten mit "Gorillas" und Kamelen. Ich zumindest. Und natürlich machten wir Fotos davon. Was sich im Nachhinein als doofe Idee herausstellte. Denn als wir die entwickelten Bilder schließlich aus der Fototasche zogen und ich mich im Bikini nebst Paarhufer im Festtagsgewand erblickte, fand ich mich plötzlich sehr dick. So dick, dass ich beschloss, es sei an der Zeit abzunehmen. Und das Unglück nahm seinen Lauf.

+/- 17kg – Die Geschichte meiner Essstörung (schon kurzgefasst und trotzdem sehr, sehr lang) - © Fee ist mein Name
Mit 20 Jahren kuschelte ich mit gummibehandschuhten Gorillas in Ägypten. Kann man machen.

Da auch der Freund ein paar Pfunde loswerden wollte, meldeten wir uns gemeinsam im Fitnessstudio an. Und starteten voll motiviert mit drei Terminen die Woche à anderthalb bis zwei Stunden auch gleich ordentlich durch. Gleichzeitig begann ich mich verstärkt mit gesunder Ernährung und vor allem mit Kalorien zu beschäftigen. Als mathematisch veranlagter Mensch erschien mir die Rechnung "Weniger Kalorien zu sich nehmen, als man verbraucht, gleich Gewichtsabnahme" eine sichere Kiste zu sein und es dauerte nicht lange, da war ich zu einer wandelnden Kalorientabelle mutiert. Grundlegendes Wissen hatte ich aufgrund meiner ärztlich verordneten Diät ja ohnehin schon von früh an aufgesogen und eine neuartige Erfindung namens Internet machte es mir leicht, die Daten jedes erdenklichen Lebensmittels herauszufinden und in meine innere Datenbank einzuspeisen. Statt Pizza gab es jetzt abends Magerquark mit Obst und Lightprodukte fluteten mein Leben. Und das des Freundes auch, denn der Spaß war ja ein gemeinsamer. Es dauerte nicht lange, da sahen wir Erfolge. Die Ziele, die wir uns gesteckt hatten, waren bereits erreicht. Ich war wieder bei 50kg angelangt und auch der Freund war zufrieden. "Aber mit 45kg hast du ja eigentlich NOCH BESSER ausgesehen", dachte ich dann. Und das Abnehmen war ja so leicht. Sportlich waren wir eh gerade drin und auch der Verzicht an der Lebensmittelfront kam mir noch nicht wie einer vor. Also machte ich weiter. Und zu diesem Zeitpunkt waren noch nicht mal zwei Monate vergangen.

Und ich nahm weiter ab. Wie schnell welche Stufen erreicht waren, kann ich im Nachhinein gar nicht mehr sagen. Was ich aber noch weiß, ist, dass mir relativ schnell klar war, dass das, was ich da tue, nicht mehr gesund ist. Und gleichzeitig konnte ich aber auch nicht mehr aufhören. Ich hatte einen Plan, der Sport und eine gewisse erlaubte Kalorienmenge beinhaltete, einen Plan mit dem ich alles unter Kontrolle hatte. Dachte ich. "Bloß nicht damit aufhören, dann nimmst du wieder zu", war meine Befürchtung. Dass ich währenddessen immer weiter abmagerte, nahm ich hin. Obwohl ich den Punkt, an dem ich mich schön fand, schon lange überschritten hatte. Die Angst vor dem Kontrollverlust beziehungsweise die Sicherheit, die mir die vermeintliche Kontrolle, die ich über mein Gewicht hatte, gab, waren mir mehr wert als meine Gesundheit. Die blendete ich mit großer Willensstärke aus. Parallel zu meinen Abnehmbemühungen hatte ich auch mein erstes Studium begonnen: Ein Grafik-Design-Studium, genau das, was ich immer machen wollte. Aber das Studium setzte mich unter Druck. Kreativität auf Knopfdruck und das überbordende Selbstbewusstsein meiner Kommilitonen – ich hatte das Gefühl nicht mehr mithalten zu können. Dabei waren meine Noten hervorragend und alle von meinen Arbeiten angetan. Nur ich selbst zweifelte. Da war es "gut", dass ich mit meinem Gewicht einen Gegenpol hatte, einen Bereich, den nur ich in der Hand hatte.

+/- 17kg – Die Geschichte meiner Essstörung (schon kurzgefasst und trotzdem sehr, sehr lang) - © Fee ist mein Name
DAS Foto. Das Foto, das mich dazu brachte, abzunehmen. Früher fand ich es ganz furchtbar. Heute finde ich es irgendwie ganz süß. Hinterher ist man immer schlauer, nicht wahr?

Mittlerweile war es Winter. Und ich versteckte mich unter lagenweise dicken Klamotten. Einerseits weil ich dauerhaft fror, andererseits weil ich nicht wollte, dass man sah, wie sehr ich abgenommen hatte. Vor allem meine Mutter sollte das nicht sehen. Während ich von anderen Seiten immer noch Komplimente für meinen Gewichtsverlust bekam, begann sie sich zu sorgen. Es war im Februar 2002, nur fünf Monate nachdem ich angefangen hatte abzunehmen, da überraschte sie mich eines Tages im Bad. Ich wohnte noch zu Hause und unser Bad ließ sich nicht abschließen, aber eigentlich war klar, dass niemand reingeht, wenn es belegt ist. Aber ich hatte bereits seit Wochen immer wieder beteuert, dass ich gar nicht sooo viel abgenommen hätte und jegliches weitere Gespräch dazu verweigert. Und nun stand sie also da im Bad. Ich nackt, sie heulend angesichts meines knochigen Körpers. Sie zwang mich auf die Waage, ich heulte auch, aber irgendwann konnte ich mich nicht mehr wehren. Und die Waage zeigte 38kg. Ich hatte innerhalb von nur fünf Monaten 17kg abgenommen. Ich war ein Häufchen Elend. Ich fror, ich hatte schon angefangen, Flaumhärchen (Lanugohaar) zu bekommen und konzentrieren konnte ich mich auch nicht mehr. Ich war aggressiv, wenn ich noch die Kraft dazu hatte, und ein weinerliches Etwas, das vor der Heizung hockte, in allen anderen Momenten. Da meine Mutter Krankenschwester war, hieß die erste Maßnahme "Hochkalorische Trinknahrung". Die ich zwar in homöopathischen Dosen zu mir nahm, einfach weil ich gezwungen wurde, gleichzeitig aber dafür meine sonstige Nahrungsaufnahme noch mehr reduzierte. Mal wieder war es die Sorge meiner Eltern um meine Gesundheit, die mich zu dem kompletten Gegenteil von dem veranlasste, was sinnvoll und richtig gewesen wäre. Aber sinnvoll und richtig sind keine Mechanismen, die bei Leuten mit einer psychischen Erkrankung funktionieren.

"Wir" beschlossen, dass ich eine Therapeutin aufsuchen sollte. Was ich auch tat. Einmal und dann sehr lange nicht wieder. Denn alles, was die gute Frau mir als Ratschlag mit auf den Weg gab, war: "Trennen sie sich von ihrem Freund. Der ist nicht gut für sie." – Ich wusste: Ich habe ein Problem, aber das ist es nicht. Ich kochte innerlich (und vielleicht auch ein klein bisschen äußerlich), aber sie ließ sich nicht von dieser Meinung abbringen. Ich beschloss: "Psychotherapeuten sind Scharlatane. Und ohne sie kommst du besser klar. Schließlich weißt du, dass du eine Essstörung hast (und das wusste ich wirklich und zwar schon lange). Du musst sie nur in den Griff bekommen. Und das wirst du." Und davon war ich wirklich überzeugt. So überzeugt, dass ich auch alle anderen in meinem Umfeld davon überzeugte. Zumindest soweit, dass sie mir keine weiteren Zwangsmaßnahmen mehr aufdrückten. Mein Designstudium hatte ich mittlerweile abgebrochen. Einerseits weil ich an mir und meinen Fähigkeiten zweifelte, andererseits weil ich kräftemäßig einfach eine Pause brauchte. Die dauerte allerdings nicht ewig, denn das Zusammenleben zwischen meinen Eltern und mir, die mir permanent spiegelten, dass es so mit mir nicht weitergeht, war zu einem täglichen Spießrutenlauf geworden. Ich musste ausziehen, das war besser für uns alle. Dafür brauchte ich aber eine neue "Beschäftigung". Ich nahm also das dicke, grüne Informationsbuch in die Hand, was damals jeder Abiturient in die Hand gedrückt bekam, und studierte jedes Studienangebot, was Deutschland so zu bieten hatte. Und weil mir "Luft- und Raumfahrttechnik" zu anstrengend erschien (echt wahr), landete ich schließlich, und das ist die Kurzform der Geschichte, bei Buchwissenschaft in Mainz.

+/- 17kg – Die Geschichte meiner Essstörung (schon kurzgefasst und trotzdem sehr, sehr lang) - © Fee ist mein Name
2002 in Paris und 2003 in Straßburg. Ein Foto schrecklicher als das andere.

Ein Jahr nach Beginn meiner Essstörung packte ich also meine Sachen und zog nach Rheinland-Pfalz. Ich weiß nicht genau, wo ich zu diesem Zeitpunkt gewichtsmäßig stand, aber ich weiß, dass es erst mal noch bergab ging, bevor es wieder ein bisschen besser wurde. Der Tiefpunkt, den meine Waage jemals anzeigte, lag bei knapp 33kg. Selbst bei nur 1,50m ist das nur knapp am Existenzminimum vorbeigeschrabbt. Die schlimmsten Bilder, die ich gefunden habe (denn viele aus der Zeit habe ich einfach nicht), sind die beiden obendrüber, das erste aus dem Sommer 2002 in Paris und das zweite im späten Frühling oder frühen Sommer 2003 in Straßburg. Meine Beine und Arme waren auf ihre Hälfte zusammengeschrumpft, meine Schlüsselbein- und Hüftknochen sowie mein Brustbein standen bedenklich hervor, sitzen war schmerzhaft geworden, weil kein Speck mehr zwischen Stuhl und Sitzbein pufferte, und es ist mir rückblickend völlig schleierhaft, wie ich die ersten Semester des Studiums erfolgreich und mit guten Noten hinter mich brachte und es zusätzlich noch schaffte, so etwas wie Freunde zu finden, denn eigentlich war ich schon lange nicht mehr sozialkompatibel.

Außerhalb Essen zu gehen war schlicht und ergreifend für mich nicht möglich. Alles, was ich konsumierte, musste ich selbst zubereitet haben, um die Kontrolle zu haben, wie viele Kalorien ich verbraucht hatte. Jedes Lebensmittel wurde grammgenau gewogen und mithilfe der inneren Kalorientabelle und dem hochfunktionalen inneren Taschenrechner berechnet. Ich sah keine Gerichte mehr, ich sah Zahlen. Und das ist nicht bildlich ausgedrückt. Das war die Realität. Lebensmittel und Essen wurden zu einer Obsession. So wenig ich aß, so sehr beschäftigte ich mich damit. Ich verbrachte Stunden in Supermärkten und studierte das Angebot. Ich begann Rezepte zu sammeln. Und zwar in rauen, nicht mehr überschaubaren Mengen. Rezepte von Gerichten, die ich nie essen würde. Oder besser: Gerichte von denen ich vielleicht ein Löffelchen kosten würde, die ich aber dann dem Freund oder meiner Familie servieren würde. Ich begann nämlich tatsächlich zu kochen. Ich fand Essen toll. Ich tat es nur nicht. Zumindest nicht über meine Grenze hinaus. Versteht mich nicht falsch: Ich war nie der Typ, der sich von drei Tomatenscheiben und einem Knäckebrot ernährte. Ich aß schon. Aber eben extremst kontrolliert. Und es ist mir bis heute ein Rätsel, wie der Freund es über diese ganze Zeit mit mir ausgehalten hat. Denn, seien wir ehrlich, ich war nicht nur "nicht schön", ich war zusätzlich auch kaum zu ertragen. Im Urlaub Essen gehen? Wieso denn? Ein Viererpack 0%-Fett-Joghurt aus dem französischen Supermarkt, den wir vorher zwei Stunden lang besichtigt haben, tut es doch auch! Uns mit Leuten treffen, die ich nicht kenne? Auf Feiern gehen, wo es potentiell Essen gibt? Sehr schwierig. Und meine Laune? Die konnte von einem auf den anderen Moment gefährlich umschlagen. Denn hungrig sein, macht mich extrem unleidlich. Das in Kombination mit einer Essstörung: Apokalypse. Denn ich konnte ja nicht einfach irgendetwas essen. Ich musste etwas essen, von dem ich die Kalorienzahl kannte, was sich noch in meinem Tagesplan unterbringen ließ und was ich zusätzlich noch gut fand. Denn wenn ich schon etwas aß, dann hatte es sich gefälligst auch zu lohnen. Alles andere machte mich unglücklich. Noch unglücklicher, als man es mit einem dermaßen kontrollierten Leben ohnehin schon ist. Was ich natürlich nicht zugab. Weder vor mir selbst und natürlich erst recht nicht vor anderen. Immerhin nahm ich nicht weiter ab. Also waren meine Bemühungen doch erfolgreich und ich hatte alles im Griff, oder?

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Schon ein bisschen besser, aber trotzdem so essgestört, wie es nur geht. (Der Freund distanziert sich an dieser Stelle übrigens selbst von seinem damaligen Ich. Vor allem von Sonnenbrille und dem übermäßigen Einsatz von Haargel :)).

Sagen wir so: Ich machte Fortschritte. Ich pendelte mein Gewicht im Zeitraum von Anfang 2003 bis Ende 2004 irgendwo bei knapp über 40kg ein. Keine Ahnung, wie ich das anstellte und wie ich die Gewichtszunahme vor mir selbst rechtfertigte. Denn weiter nach oben ging es nicht. Da war scheinbar eine Art magische Grenze. Es ging mir zwar etwas besser, aber ich war immer noch so essgestört wie einer nur essgestört sein kann. Meine Kaloriengrenze lag nun etwas höher und wenn ich abends noch "Luft" hatte, gönnte ich mir durchaus gerne etwas, aber eben immer in den Grenzen. Und immer noch sah ich Zahlen und immer noch machte der Kontrollverlust mir Angst und immer noch war ich untergewichtig. Meine Seminare und Co. schaffte ich zwar irgendwie und auch mit guten Ergebnissen, aber ich absolvierte immer nur das Minimum an Kursen. Und auch mein soziales Leben war eher unter "ferner liefen" zu verbuchen. Ich war ein kleiner, untergewichtiger Roboter, der nach Schema F funktionierte und der bei unvorhergesehenen Situationen drohte, den Geist aufzugeben. So lange alles nach meinen Regeln lief, "ging es mir gut". Wenn nicht, dann nicht. Und wir alle wissen: Das Leben funktioniert so einfach nicht.

Und deshalb beschloss ich irgendwann (schätzungsweise) Ende 2004 nach mehr als drei Jahren Magersucht, dass ich Hilfe brauche. Besser spät, als nie. Aber: Ich musste selbst zu dieser Erkenntnis kommen. Ich wollte mein Leben nicht weiter in ein Korsett sperren. Ich wollte Spaß haben, wie meine Kommilitonen, ich wollte das Leben genießen. Ich wollte überhaupt erst mal sowas wie ein Leben haben. Also ging ich zur Psychotherapeutischen Beratungsstelle der Uni Mainz. Dort standen mir zunächst zehn "unverbindliche" Therapiestunden zu, bevor entschieden wurde, wie es mit mir und meiner geistigen Gesundheit weitergeht. Und zu niemandes großem Erstaunen, am allerwenigsten meinem eigenen, wurde mir hinterher beschieden: Eine dauerhafte, ambulante Therapie wird dringend empfohlen. Nun ist es alles andere als leicht, so einen Therapieplatz zu bekommen, denn (auch wenn öffentlich ja NIEMAND therapeutische Hilfe in Anspruch nimmt) sind die verfügbaren Plätze oft auf ziemlich lange Zeit belegt. Mein Glück, dass die Uni Mainz zusätzlich auch noch eine "Poliklinische Institutsambulanz für Psychotherapie" hat, in der ich dank Vermittlung der Beratungsstelle schnell unterkam. Ich war offiziell in Therapie.

+/- 17kg – Die Geschichte meiner Essstörung (schon kurzgefasst und trotzdem sehr, sehr lang) - © Fee ist mein Name
Zwischen diesen beiden Bildern liegen, wenn mich nicht alles täuscht, nicht viel mehr als ein Jahr und knapp 20-25kg. Und ein ganz furchtbarer Frisurenwechsel. Merke: "Ich probiere da mal was ganz Freches" ist das Codewort, bei dem man aufsteht und dem Friseur "Auf Nimmerwiedersehen" sagt.

Und dann passierte etwas Erstaunliches: Ich entpuppte mich als "Musterpatient". Mein Therapeut forderte mich auf zuzunehmen und ich nahm zu. Einerseits war ich schon immer jemand, der es anderen gerne rechtmachen wollte, andererseits fand ich Essen wie gesagt ja ziemlich toll. Ich bekam es nur nicht richtig hin. Und jetzt durfte ich wieder. Jemand, der es wissen musste, hatte mich dazu angehalten. Ich gab die Kontrolle bereitwillig ab. Ich hatte Vertrauen. Und merkte dabei nicht, dass der Weg, den ich einschlug, mit gesundem Essverhalten genauso wenig zu tun hatte. Denn ich holte erst mal vieles von dem auf, was ich mir jahrelang versagt hatte. Alle waren zufrieden mit mir. Ich auch. Denn ich sah wieder gesünder aus. Ich hatte wieder Freude am Leben. Ich lernte sogar neue Menschen kennen. Und zum ersten Mal seit dem Ägyptenurlaub plante ich mit dem Freund wieder einen "richtigen Urlaub". Einen, in dem Strand und Strandbekleidung sowie Essen rund um die Uhr eine tragende Rolle spielten. Wir flogen nach Zypern. Es war September 2005, also ziemlich genau vier Jahre nach Beginn der ganzen Geschichte. Ich wog wieder knapp über 50kg und war eigentlich recht zufrieden mit mir und meinem Körper. Das Essen war großartig und reichhaltig und trotz der Tatsache, dass wir sogar ein bisschen Sport machten, hatte ich anschließend 2-3 kg mehr auf den Hüften. Und erst dachte ich auch, dass mir das nichts ausmacht.

Doch es sollte sich relativ schnell herausstellen, dass das nicht stimmte. Ich war noch nicht lange wieder zurück in Mainz und der Freund in Dortmund (denn wir führten eine Fernbeziehung), da merkte ich: "Also mehr werden sollte das mit dem Gewicht jetzt auch nicht mehr. Lieber wieder ein bisschen weniger." Und ich fiel zurück in alte Denkmuster, die noch so frisch unter der Oberfläche begraben waren, dass es ein Leichtes war, sie wieder zutage zu fördern. Ich hatte wieder eine Kaloriengrenze. Die 50kg waren erneut mein Ziel. Danach würde ich wieder aufhören und normal essen. Das war der Plan. Was mir zu diesem Zeitpunkt noch nicht klar war: Ich hatte keine Ahnung, was "normal" essen überhaupt ist. Bis auf ein paar Kindheitsjahre, die so weit zurücklagen, dass mein Körper sich nicht mehr an sie erinnern konnte, hatte ich nie "normal" gegessen. Erst war da die ärztlich verordnete Diät, bei der ich eher auf Sparflamme lief, dann das heimliche "Stopfen" von allem Verbotenen, der übermäßige Fast-Food-Konsum mit dem Freund, dann das jahrelange kontrollierte Kalorienzählen voller Verbote und schließlich eine "Endlich darf ich wieder genießen"-Phase. Ein natürliches Hungergefühl hatte mein Körper schon vor langer Zeit verlernt.

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2005 im Urlaub auf Zypern. Ein kurzer Moment, in dem ich dachte "Alles ist gut".

Aber soweit war ich noch gar nicht. Erst einmal wollte ich wieder zurück zu den 50kg. Und das war leichter gesagt als getan. Denn die Kalorien-Brille saß zwar weiter wie eine Eins, aber der unbedingte Wille zum Verzicht, der war mir anscheinend in der Zwischenzeit verloren gegangen. Ich hielt mein strenges Beschränkungs-Regime durchschnittlich bis zum späten Nachmittag durch, nur um dann von dem dringenden Wunsch nach einem Schokoriegel geschüttelt zu werden. Oder zweien. Oder drei. Die dann allerdings nicht mehr "in den Plan passten". Und wenn die Grenze erst einmal überschritten war, dann war alles egal. Dann konnte ich für den Tag essen, was ich wollte. Das klingt für einen Außenstehenden vielleicht verrückt (was es ja auch war), für mich aber war es die logische Schlussfolgerung. Und während ich anfangs nur einen Schokoriegel mehr aß, wurden daraus schnell ganze Gläser Erdnussbutter, zusammen mit einer Familienpackung Toastbrot und drei Eis, gefolgt von einer Packung Mini-Pizzen, um etwas Herzhaftes hinterherzuschieben – Ausgleich und so. Und danach noch je eine Packung Toffifee und Chips. Das klingt vielleicht nach einem Scherz, es ist aber keiner. Aus der magersüchtigen Fee wurde innerhalb kürzester Zeit die Fee mit Fressattacken. Und aus den 52-53kg während des Zypern-Urlaubs wurden innerhalb von nur zwei Monaten 67kg.

Während ich es all die Jahre zuvor geschafft hatte, ein halbwegs normales Leben aufrecht zu erhalten, ging es nun steil bergab. Mal abgesehen davon, dass ich während dieser Abende meist vor Übelkeit kaum noch aufstehen konnte, wurde ich depressiv, verließ kaum noch das Haus, außer um zur Uni zu gehen und Essen zu kaufen, und zur Uni ging ich dann irgendwann auch fast nicht mehr. Ich lag auf meinem Bett und starrte an die Decke. Oder ich fraß. Oder beides. An den Wochenenden, wenn ich den Freund sah, hatte ich es halbwegs im Griff, aber kaum war ich wieder alleine, ging es wieder los. Ich glaube, ich log auch meinen Therapeuten deswegen an, aber sicher bin ich mir nicht mehr. Im November war jedenfalls klar: Es kann so nicht weitergehen. Mit der Magersucht hatte ich es vier Jahre ausgehalten, mit den Fressattacken nur zwei Monate. Ich wusste: Eine ambulante Therapie reicht hier nicht mehr. Ich muss in stationäre Behandlung. Glaubt mir, das ist keine Entscheidung, die man leichtfertig trifft. Und trotzdem wies ich mich selbst ein.

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Zwei Bilder kurz nach der Therapie. Entlassen wurde ich im März 2006, das hier ist Mai und Juni 2006.

Okay, das war natürlich etwas komplizierter. Denn man kann nicht einfach so zu so einer Klinik gehen und sagen: "Hallo, hier bin ich." Erst muss die Krankenkasse so einen Aufenthalt bewilligen und dann muss man auch noch eine Einrichtung finden, die Kapazitäten frei hat. Und die am besten auch noch auf die eigene Störung spezialisiert ist. Das kann schon mal dauern. Hinzu kam, dass ich am liebsten in eine ganz spezielle Klinik wollte. In die "Klinik am Korso" in Bad Oeynhausen, eine Klinik nur für Essstörungen und nicht ganz so weit von meiner Familie und dem Freund entfernt. Es war November oder Anfang Dezember und ich beschloss, das Semester abzubrechen. Ich war ohnehin völlig neben der Spur. Ich packte meine Sachen und fuhr nach Dortmund. Und da wartete ich dann auf einen Anruf. Auf den Anruf, der mir sagte: "Es geht los. Sie können kommen!" Er kam überraschend "schon" Mitte Januar und zwei Wochen später saß ich heulend im Aufnahmezimmer.

Insgesamt blieb ich zwei Monate, sechs Wochen regulär, zwei Wochen Verlängerung. Die ersten zwei Wochen ohne jeglichen Kontakt nach außen und auch ohne die Möglichkeit, die Klinik zu verlassen. Pünktlich zu meinem Geburtstag am 11. Februar durfte ich dann wieder telefonieren und am Wochenende auch Besuch empfangen. Davon abgesehen verliefen die Tage alle gleich. Wiegen nach dem Aufstehen, feste Essenszeiten, Einzeltherapie, Gruppentherapie, Gemeinschaftsaktivitäten, Ernährungsberatung, manchmal gemeinsames Kochen, geführte Spaziergänge, ein bisschen Sport und auch Freizeit mit den anderen Patienten. Insgesamt sehr viel Routine, was sehr wichtig für die meisten Patienten mit psychischen Erkrankungen ist. Ich redete viel. Und auch viel über mich. Viel mehr als ich es jemals zuvor in meinem Leben getan hatte. Das war nämlich eher wenig. Am Anfang fiel es mir schwer, zum Ende hin wurde es leichter. Ich lernte, wie wichtig es ist, dass ich auf meinen Hunger und mein Sättigungsgefühl achte, und stellte dabei fest, dass ich beides eigentlich kaum kannte. Ich lernte Menschen kennen, die magersüchtig waren, ich lernte Menschen mit schwerster Adipositas kennen und Menschen mit Bulimie. Meine "neue" Störung bekam auch einen Namen: Binge Eating. Ich stellte fest, dass wir eigentlich alle ähnliche Ängste und Sorgen hatten und dass sie sich nur bei allen anders äußerten. Und dass die Essstörungen in der Regel nur ein Symptom sind und es weniger um den Körper, als um den Menschen dahinter geht.
 
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Links: Sommer 2006 bei einem Besuch in Hamburg, rechts im Mai 2007 bei einem Geburtstag.

Natürlich lernte ich noch viel mehr, aber was mir am eindrücklichsten in Erinnerung geblieben ist, ist der Gedanke "So schlecht es dir geht: Eigentlich geht es dir noch ganz gut. Und du solltest schauen, dass das auch so bleibt!" Und als ich Ende März mit knapp drei Kilo weniger entlassen wurde, spielte das für mich eigentlich die geringste Rolle, am wichtigsten war, dass ich das Gefühl hatte: Ich kann es schaffen. Und zwar nicht mein Gewicht zu reduzieren, sondern gesund zu werden.

Und ich schaffte es. Das ging zwar nicht von heute auf morgen, aber es ging. Am Anfang hatte ich noch Rückfälle, aber sie wurden weniger. Ich versuchte feste Mahlzeiten einzuhalten und hielt mich an Routinen, die ich gelernt hatte. Ich ging wieder zur Uni und fing sogar einen neuen Job beim SWR an. In einer (Breiten-)Sportredaktion. Dabei fand ich Sport saudoof (daran hatte auch die Tatsache nichts geändert, dass ich mal monatelang sehr engagiert ständig ins Fitnessstudio gerannt war). Ich nahm nicht ab, aber ich nahm auch nicht zu. Das war durchaus als Erfolg zu werten. Was ich allerdings nicht loswurde, war meine Angewohnheit Kalorien zu zählen. Immer noch schaute ich auf meinen Teller und darüber lief vor meinem inneren Auge wie in einer billigen Werbung blinkend und laut schreiend eine Anzeige mit einer signalroten Zahl. Ausnahmslos immer. Was sich allerdings gebessert hatte, war mein Umgang damit. Ich konnte es mittlerweile aushalten, wenn die Zahl mir zu hoch erschien. Ich konnte mir etwas gönnen, ohne dass danach gleich der "Egal"-Schalter in meinem Hirn umklappte. Dieser Zustand hielt ungefähr ein Jahr an.

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Das Zielfoto bei meinem Halbmarathon im Mai 2008. 2 Stunden, 34 Minuten und 6 Sekunden.

Dann stand in unserer Redaktion ein Abnehmspecial an und mein Chef hatte sich überlegt, dass es doch ganz nett wäre, ein Jahr lang eine Person dabei zu begleiten, wie sie sich auf einen Halbmarathon vorbereitet, dadurch abnimmt und darüber dann einen Blog schreibt. Wir starteten einen Aufruf und es meldeten sich auch Leute, aber irgendwie kam keiner in Frage. Sei es aus gesundheitlichen Gründen, aus Kompetenzgründen an der Verschriftlichungsfront oder aus, sagen wir, persönlich-menschlichen Gründen. Also sagte mein Chef eines Tages: "Fee, wie wäre es denn mit dir?" Und da ich schon immer schlecht "Nein" sagen konnte, sagte ich "Okaaaayyy..." Mein erster Blog war geboren. Und er hieß: "Der Preis ist Schweiß". Ich begann also zu laufen. Oder sagen wir: Erst einmal versuchte ich es nur. Ich lief drei Minuten und musste mich dann erst mal für fünf Minuten ausruhen. Aber mit der Zeit wurde es besser. Wie mit allem. Und nach einem Jahr lief ich tatsächlich einen Halbmarathon (und wurde dabei sogar gefilmt). Ich brauchte zwar knapp 2 1/2 Stunden, aber ich kam an. Immerhin. Und trotz der Tatsache, dass ich ein paar Kilo abgenommen hatte und nun bei irgendwas um die 58kg vor mich hindümpelte, hängte ich meine Laufkarriere danach mit sofortiger Wirkung an den Nagel. So wichtig war mir mein Gewicht zu diesem Zeitpunkt nicht mehr. Zumindest nicht so wichtig, dass ich mich dafür regelmäßig mit Laufen geschunden hätte.

Mittlerweile war es Mai 2008 und ich lebte seit drei Monaten wieder in Dortmund. Zum ersten Mal in einer Wohnung mit dem Freund. Nach 5 1/2 Jahren hatten wir der Fernbeziehung endlich Adé gesagt. Es ging mir so gut, wie schon lange nicht mehr. Erst jetzt merkte ich richtig, wie mich dieser Pendel-Zustand und die Wochenendliebe belastet hatte. Und hatte ich in den letzten zwei Jahren seit Abschluss der stationären Therapie immer noch Kalorien gezählt und auch immer noch alles gewogen, das ich selbst zubereitete, fing ich nun langsam an, es immer häufiger einfach zu lassen. Das ging nicht einfach so, ich musste mich jedes Mal bewusst dafür entscheiden. Es war ein Fallenlassen meiner letzten kleinen Kontroll-Bastion, aber ich war glücklich und das war stärker als meine Angst. Ich brauchte sie nicht mehr.

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Mai und Juni 2008 bei Besuchen in Mainz und Frankfurt.

Und es dauerte gar nicht lange, vielleicht ein Jahr oder anderthalb, da war ich wieder bei irgendwas knapp über 50kg angelangt. Schon seit einigen Monaten ohne jegliche Beschränkungen, ohne weiteres Kalorienzählen, ohne Wiegen, ohne Druck, ohne Zwang, ohne Kontrolle. Ich kochte weiter, aber ich aß die Ergebnisse mittlerweile selbst. Mein Teller war voll und ich konnte ihn aufessen, wenn ich wollte, ich musste aber auch nicht, nur weil das eine Portion war "die noch kalorienmäßig möglich war". Ich konnte mittlerweile die Zeichen meines Körpers deuten. Oder sagen wir: Mein Körper hatte wieder angefangen welche zu senden. Wenn ich satt war, hörte ich einfach auf. Ich aß nicht mehr, um irgendwelche anderen Gefühle zu kompensieren. Traurigkeit, Einsamkeit oder Angst. Und wenn es doch einmal vorkam, was ja auch bei nicht essgestörten Menschen einfach mal vorkommen kann, dann wusste ich nun: Nicht so schlimm. Dein Körper gleicht das wieder aus. Es gibt auch Tage, da isst man nicht so viel. Ich hatte gelernt, dass gerade weniger Beschäftigung mit dem Körper dazu führt, dass er ganz von selbst zu dem Zustand findet, der gesund für ihn ist.

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Ende 2008 und Anfang 2009 (Ich war schon immer ein Fan von Ben & Jerry's ;)).

Nun ist es so, dass "gesund für einen Körper" und "Normalgewicht", nicht zwingend das Gewicht ist, das zu einer Körperform führt, die im Allgemeinen von den Medien und der Modeindustrie als Ideal kolportiert wird. Doch durch all die teilweise sehr extremen Gewichtsschwankungen ist mir irgendwann klar geworden: Mein Körper wird dieses Ideal nie im Leben erreichen. Der eine hat einen runderen Po, der andere Winkeärmchen, der andere einen kleinen Bauchansatz oder breite Hüften und Oberschenkel. Der eine vielleicht alles und der andere nichts. Das kann man doof finden, aber ändern kann man es nicht. Ich weiß nun: Ich bekomme meinen Körper vielleicht dünner, aber dann auch gleich überall. Das ist dann vielleicht an den Beinen "schön", überall anders aber schon skelettartig hager. Aber das Allerschlimmste ist der Preis, den ich dafür zahlen muss: Ich werde dabei unglücklich. Und zwar so unglücklich, dass ich mir im Nachhinein wünsche, ich könnte die Jahre ungeschehen machen, die ich für diese Erkenntnis gebraucht habe. Jahre, in denen ich hätte jung sein können, unbeschwert, in denen ich hätte das führen können, was man gemeinhin ein "Studentenleben" nennt, in denen ich hätte etwas von der Welt sehen können und wenn diese Welt nur vor meiner Tür gelegen hätte. Dafür hätte ich diese Tür aber erst mal verlassen müssen.

Ich habe etwas gelernt. Auf die sehr harte Tour, aber immerhin. Das Leben ist zu kurz, um sich unglücklich dabei zu machen, in Muster zu passen. Seien es Körpermuster, Muster, wie man sein Leben zu führen hat, welcher Karriereschritt an welchem Punkt im Leben sinnvoll ist, wann man Kinder zu bekommen hat und wann nicht, wen man zu lieben hat und wen nicht, was man trägt, woran man glaubt und noch so vieles mehr. Damit meine ich nicht, dass man sein eigenes Glück über alles stellen und zu einem kompromisslosen Egoisten werden sollte, aber man sollte versuchen (im Einklang mit seiner Umwelt) seinen eigenen Weg zu finden. Einen, den man nur für sich selbst wählt. Das ist schwer, egal in welchem Bereich, weil es immer Menschen gibt, die versuchen einen weiterhin in Schubladen zu pressen und einen verunsichern, wenn man nicht in diese Schubladen passt. Aber zu versuchen, zu einem unbeweglichen Quader zu werden, damit die Schublade zugeht, obwohl man eigentlich ein runder, springender Flummi ist, macht noch viel unglücklicher, als sich mit den Meinungen anderer auseinanderzusetzen. Es mag vielleicht dauern, aber daran wächst man.

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Sommer 2009 und später Frühling 2010. Nicht umsonst gibt es sehr viele Bilder von mir, wie ich esse. Ich stehe auf Essen. Ich habe das nur lange falsch angepackt.

Und das ist das, was ich in meinem Dellen-Post meinte, als ich im ersten Absatz in wenigen Sätzen konstatierte "Schon immer habe ich mit mir gehadert. Wertvolle Zeit damit vertrödelt, meine Beine zu kurz, die Oberweite zu klein und die Ärmchen für zu speckig zu befinden. Zeit in der ich hätte Spaß haben können. Stattdessen habe ich jahrelang damit zugebracht zu erkennen, dass mein Körper, so wie er war, eigentlich ganz schön gut war. Zwar kein durchschnittlich großer und mit vermeintlichen Idealmaßen daherkommender Körper, aber eben mein Körper und genau richtig für mich. Alle Zwischenstadien die ich durchlaufen habe, haben meinen Körper nicht besser, meine seelische Verfassung aber dafür fragiler und mich unglücklicher gemacht. Und ich hatte es gerade hinter mir gelassen, war in einem Stadium angelangt, an dem ich das Gefühl hatte, mit meinem Körper ins Reine zu kommen und dass er, wenn ich mir nicht zu viele Gedanken mache, schon ganz gut klarkommt und mir signalisiert, was er braucht und was nicht, da kam die MS-Diagnose um die Ecke."

Und jetzt sitze ich hier, vierzehn Jahre später, etliche mit Essstörung und auch schon ein paar mit MS auf dem Buckel. Und bin deutlich schlauer als vorher. Ich wünschte mir häufig so sehnsüchtig, ich könnte diese Erkenntnisse all jenen einimpfen, die an sich und ihren Körpern zweifeln, die unglücklich sind und mit ihrem Leben hadern. Denn es bringt nichts. Man muss das, was man hat und was man nicht ändern kann, annehmen. Sonst macht man sich unglücklich. Und das ist schlimmer als (vermeintlich) zu dick. Oder krank. Oder was auch immer nicht der "Norm" entspricht. Und man kann sich und das Leben nicht konktrollieren. Auch wenn man sich das manchmal wünscht.

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Ende 2010 und damit ein Dreivierteljahr nach der MS-Diagnose und ein halbes Jahr nach dem Beginn dieses Blogs. Und seither wisst Ihr, wie ich aussehe: Immer ziemlich ähnlich, nur jeden Tag mit ein paar mehr Fältchen ;)!

Ich weiß aber auch, dass ich das nicht kann. Also das Einimpfen. Ich denke, dass jeder von uns seine Erfahrungen bis zu einem gewissen Grad selbst machen muss. Für manche liegt dieser Grad niedriger und sie sind empfänglicher für das, was andere erlebt haben. Andere müssen den Holzhammer selbst spüren. Ich weiß daher auch gar nicht genau, was ich mit diesem Post bezwecke oder glaube, bewirken zu können. Ich hoffe vielleicht, dass der eine oder andere sich hinterfragt. Seine Motive bei der Beurteilung von sich selbst oder bei der Beurteilung von anderen. Ein wenig mehr Verständnis und Toleranz würden schon viel ausrichten. Ich bin allen dankbar, die sich während all der Jahre meiner Essstörung nicht von mir abgewandt habe und die mir gezeigt haben, dass sie mich lieben, wie ich bin, egal wie das ist. Und die mir aber trotzdem signalisiert haben, wenn ich Grenzen überschreite, denn nur dass jemand psychisch krank ist, heißt nicht, dass er einen Freifahrtschein hat. Ich will wahrscheinlich ziemlich viel sagen. Und vielleicht kann ich ziemlich vieles von dem auch immer noch nicht richtig in Worte fassen und lerne immer noch selbst jeden Tag dazu. Ziemlich sicher tue ich das sogar. Vielleicht will ich aber auch einfach nur mal meine Geschichte erzählen. Weil das gesund für mich ist. Und vielleicht reicht das ja auch schon. Wer weiß...?!

Montag, 27. Juli 2015

Fee's kleines Bergwiesen-Bestimmungs-Büchlein

Auch wenn ich teilweise durch das exzessive Posten ganzer Bilderstrecken von Blümchen aus dem heimischen Westfalenpark einen anderen Eindruck erzeugen mag: Ich habe von Botanik ungefähr so viel Ahnung wie von Fallschirmspringen. Ich hatte die Oberstufe noch nicht betreten, da flog Biologie hochkant aus meinem Stundenplan. Heute weiß ich gar nicht mehr wieso, aber damals erschien mir alles, was mit Natur zu tun hatte, so spannend wie das Putzen verschimmelter Badezimmer-Fugen mit einer alten Zahnbürste. Angesichts dessen, dass es heute zu meinen Lieblingsbeschäftigungen gehört, im Park auf allen Vieren herumzukriechen, um die besten Blumen-Shots einzufangen, meine Fähigkeiten als Zootierporträtfotografin auszubauen und neue DIYs rund um Pflanzen zu ersinnen, ist das fast schon ironisch. Aber wir entwickeln uns ja alle weiter, nicht wahr?


Es mag daher auch nicht verwundern, dass sich die Wanderungen während unseres kleinen Achensee-Trips am vorletzten Wochenende in epische Breite ausdehnten, schlicht und ergreifend, weil ich es für notwendig erachtete, alles was da so blühte, mit meiner Kamera einzufangen. Mir war das ja schon vorher klar, aber was mir auch klar ist: Normal ist das nicht. Also bekam ich erst mal einen Schreck, als mir zusammen mit dem Programm unserer Reise mitgeteilt wurde "Übrigens wird euch Daniela vom Tourismusverband nun zur Dalfazalm begleiten, ihr habt also jemand Ortskundigen mit." Nicht weil ich andere Menschen nicht mag, sondern weil ich dachte: "Die arme Frau, sie weiß gar nicht, worauf sie sich da eingelassen hat." Ich teilte meine dahingehenden Bedenken mit, aber die Sorge, wir Städter würden schon auf der ersten Teilstrecke zur Alm verloren gehen, war wohl größer als die Angst, unsere Begleitung würde es nicht mehr vor Einbruch der Nacht zurück ins Tal schaffen, und so stiegen wir am Donnerstag zu dritt in die Gondel der Rofan Seilbahn.


Und ich habe mich auf der gemeinsamen Teilstrecke auch wirklich zusammengerissen, ich schwöre. Trotzdem marschierten der Freund und besagte Daniela immer ungefähr zehn Meter voraus, während ich mich bemüßigt sah, regelmäßig hinterherzuschreien "Keine Sorge, lasst mich ruhig zurück, ich schlage mich alleine durch!" Aber mal ehrlich, was soll man denn auch sonst machen, wenn man plötzlich das Gefühl hat, man wäre in die Kulisse eines tschechischen Märchenfilms respektive vor das gephotoshopte Bühnenbild einer Volksmusiksendung gebeamt worden?! Sowas muss für die Nachwelt dokumentiert werden. Oder zumindest für den Teil der Nachwelt, der genau wie ich bisher immer dachte: "Das kann doch alles nicht echt sein, so schön und so grün, wie das ist!" Ich kann aber jetzt mit großer Freude verkünden: Isses doch. Irre, aber wahr!


Und jetzt stehe ich hier mit meinen Blümchenbildern und habe dank mangelnder Schulbildung nur so eine begrenzte Vorstellung davon, mit was für floristischen Auswüchsen wir es genau zu tun haben. Das erste ist ein bewimpertes Alpenröschen. Das weiß ich aber auch nur, weil Daniela es mir erzählt hat. Ansonsten schmeiße ich noch Distel, Glockenblume, Margerite und Walderdbeere (oder gibt es auch eine Gebirgserdbeere) aus meinem umfassenden, inneren Bestimmungsbüchlein in die Waagschale. Und sonst? Keine Ahnung. Und da kommt Ihr ins Spiel. Ich bin sicher, ihr seid voll die Berg-Flora-Profis. Also: Lasst mich an Eurem Wissen teilhaben. Bitte :)!

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Danke für die Einladung in die Berge an Tirol Werbung und Achensee Tourismus. Die Reise geht auf deren Kosten, die Unwissenheit in Bezug auf Bergwiesen-Flora geht auf mich ;)!